Tirreno Adriatico 2023: Die Heimweg-Odyssee

Etappe 6 des Tirreno Adriatico: Osimo

Tirreno Adriatico in Italien: Und plötzlich geht gar nichts mehr... (erstellt mit Canva)

Dass ich mal in einer Sportredaktion gearbeitet habe, ist gefühlt Lichtjahre her. Über die Bundesliga habe ich geschrieben, war als Volunteer bei der WM 2006 in Hamburg dabei und hatte ungefähr so lange großes Interesse an Fußball bis die Spieler plötzlich alle jünger waren als ich. 😅 Was mich nie interessiert hat, waren Radrennen. Hier schreibe ich trotzdem über das Tirreno Adriatico – aus gutem Grund. 😅

Tirreno Adriatico direkt vor Ort

Irgendwann war es angekündigt: das Radrennen Tirreno-Adriatico. Einige der Einheimischen hier in Osimo berichten leicht verklärt darüber. Erzählen strahlend davon, dass sie mit dem eigenen Nonno als Kind an der Strecke standen, dass der ganze Ort in Aufruhr gewesen wäre, sogar Geschäfte und Schulen zur Feier des Tages geschlossen hätten. Ein Fest, ein Highlight – und ein einwöchiges Etappenrennen im Radsport, das vom Thyrrenischen Meer an die Adria führt. Gut, Osimo liegt jetzt nicht DIREKT an der Adria, aber da es in Osimo schön hügelig ist, haben die Jungs natürlich noch einen Grund mehr, ordentlich in die Pedale zu treten. 🙃

Etappe 6 des Tirreno Adriatico 2023 führt nach Osimo

Die Etappe 6 mit schlappen 193 Kilometern führt also nach Osimo. Gemein: Die Sportler fahren zweimal am Ziel vorbei, fahren die letzten 100 Kilometer in Schleifen. Also dreimal die gleiche Strecke, bevor es dann im Zentrum zur Zieleinfahrt kommt (etwas Enttäuschung hier: das Ziel liegt im höhergelegenen Zentrum, dort kann von “Rennen” also kaum die Rede sein – auch wenn wir alle wegen der Steigerung sicher vom Rad gefallen wären). Beginn des Rennens in Osimo Stazione um 10.30 Uhr, Ende gegen 17 Uhr. Das Wetter angenehm (nun gut, bis auf den anfänglichen Wind, der für Radrennfahrer natürlich auch zum Problem werden kann).

Planung und Sperrungen in Osimo

Das Problem für Anwohner: Erst einmal gibt es nur schwammige Ankündigungen. Parkverbote, Sperrungen von 6 Uhr (!) morgens bis 18 Uhr abends (so genau weiß aber keiner, wie das laufen soll), ein Dekret, in der von möglichst wenigen Einschränkungen für Anwohner gesprochen wird (gut!) und die Ankündigung, dass zur Feier des Tages (!) die Schulen ausfallen. Unser Problem: Nicht jedes Kind geht in Osimo zur Schule. Es ist Samstag, auf dem Stundenplan steht unter anderem Mathematik. Und nun? In Absprache mit anderen Eltern, die in Osimo wohnen: Okay, wird wohl nichts. Entweder den ganzen Tag außer Haus verbringen (Glück hat, wer hier Großeltern hat, die dann allerdings nicht in Osimo wohnen) oder aber die Kinder zu Hause lassen. Möglich, dass es dann mit dem Heimweg etwas schwierig wird.

Kein Durchkommen beim Tirreno Adriatico in Osimo – teils wegen solcher Konstruktionen und teils wegen des noch weit entfernten Fahrerfeldes.

Der Trick: möglichst früh losfahren

Okay, die Kinder also zu Hause (ausnahmsweise mal ein richtiges Wochenende) und die Planung selbst möglichst früh loszufahren und auch früh wieder nach Hause zu kommen. Das Rennen führt nämlich erst einmal von Osimo weg. Die Straßensperrungen auch am Morgen gegen 8.30 Uhr nicht vorhanden. Von wegen Einschränkungen bereits ab 6 Uhr – ha! Nur die Parkverbote bestehen eben doch. Also früh nach Ancona gefahren und früh wieder zurück. Das Fahrerfeld sollte nicht vor 13.40 Uhr wieder an Osimo vorbeirasen. In die Stadt soll es dann erst ab 14.30 Uhr geben. Die Gemeinde hat ja mitgedacht und die Zeiten rumgeschickt. Für einen Moment bin ich begeistert. So kann man wenigstens planen.

Teil 1 der Odyssee: Mehr als eine Stunde Puffer sollte reichen…

Mein Plan: Mehr als eine Stunde früher zurück. Bzw. knapp zwei Stunden, bevor das Rennen durch Osimo führt. Doch genau jetzt beginnt MEIN Etappenrennen. Und die Zieleinfahrt? Na ja. Ich ahne noch nicht, dass die ohne Auto erfolgt.

Also los: Von der Bundesstraße über die Sbrozzola. Kürzt einige Kilometer ab. Dann bin ich noch fixer als sonst. Ich biege ab, fahre am Industriegebiet vorbei, am großen Kreisverkehr, auf dem schon zwei verlorene Ordner stehen. Durchfahrt? Kein Problem! Puh! Noch ein paar Hundert Meter weiter, dort einige Autos vor mir. Straßenblockade. Die Vigili. Und sie sprechen mit jedem Fahrer einzeln. Ich warte. Wertvolle Minuten verstreichen. Dann die Ansage: kein Durchkommen. Ich habe den Plan in der Hand. Aber das dauert doch noch über eine Stunde bis die herkommen. “No, signora. Die Präfektur lässt uns die Strecke natürlich nicht erst fünf Minuten vorher schließen.” “Und wie komme ich jetzt nach Hause?” Mir wird ein Weg über Polverigi und Case Nuove empfohlen. Wo war das noch einmal? Hmm. Und dann? Etliche Kilometer Umweg, obwohl ich doch fast da bin?

Na gut, was will man machen? Also drehen. Zurück zur Bundessstraße. Dann fahre ich eben über Abbadia.

Glück hat, wer nicht aufs Auto angewiesen ist… 😉

Teil 2 der Odyssee: Man muss nur nach einer Straße suchen…

Noch fix etwas über die Bundesstraße, dann an Abbadia vorbei die Flaminia nach Osimo hoch. Die Minuten, die ich für den restlichen Heimweg benötigt hätte, verbringe ich jetzt damit, eine nicht gesperrte Straße zu suchen. Die Zufahrt nach Osimo? Gesperrt! Die nächste Zufahrt nach Osimo und Abbadia? Gesperrt! Die dritte? Gesperrt! Aber – was für ein Glück – in Osimo Stazione (da ging das Radrennen vor zwei Stunden los) ist die Straße zum Supermarkt frei. Hah! Also am Supermarkt vorbei, recht abbiegen wie sonst – und dann? Ein blauer Wagen versperrt die Straße – zusätzlich zum Flatterband. Links geht es nur wieder hinunter auf die Bundesstraße, von dort aber problemlos die nächste Straße hoch bis Abbadia.

Teil 3 der Odyssee: Von Abbadia nach Osimo

Dort eine Mini-Schleife mehr, dann hoch nach Abbadia. Dort kurz die Überlegung: Bleibe ich sicherheitshalber hier? Ein Blick auf die Uhr? Na ja, noch 50 Minuten bis sie in der Nähe von Osimo sind, erst in mehr als anderthalb Stunden geht es in die Stadt. Der Verkehr läuft in beide Richtungen. Glück gehabt! Also von dort runter auf die Provinciale. Hinunter zur Bundesstraße ist gesperrt. Dort stehen die Carabinieri. Rein nach Osimo geht es ohne Probleme. Selbst die Sbrozzola ist nicht gesperrt. In die andere Richtung geht es merkwürdigerweise. Und dann sehe ich es: Das Ortseingangsschild von Osimo. Puh, fast geschafft. Dann nach Hause, in Ruhe essen und vielleicht dann mal gemütlich irgendwo gucken. Noch ist das Feld weit entfernt. Irgendwo hinter Treia nach Plan. Weit über 30 Kilometer bis nach Osimo. Mein Weg nach Hause noch etwa drei Kilometer. Also mit Schwung durch den Kreisverkehrt, zweite Ausfahrt, gleich bin ich daheim.

Freie Fahrt für Radrennfahrer des Tirreno Adriatico in Osimo.

Teil 4 der Odyssee: Nach Hause? Nee, andere Richtung…

Gelbe Warnwesten versperren mir den Weg: “Wie sind Sie denn hergekommen? Es ist doch alles gesperrt?” – “Nee, gar nicht. Ich habe hier ganz sicher keine Blockade umgefahren.” – “Hier können Sie aber nicht hoch. Nehmen Sie die Parallelstraße, die ist frei.”

Na gut, kleiner Umweg. Dann halt die Strecke mit den Ampeln. Ich habe Glück. Grüne Welle, in zwei Minuten bin ich da. Noch zwei Kreisverkehre, dann ist es geschafft. Den ersten davon haben die Carabinieri belagert. Wieder eine Autoschlange. Einige, die geduldig warten. Andere, die aussteigen, fragen, umdrehen. Ich ahne nichts Gutes, steige aus, treffe auf zwei Carabinieri, von denen mir einer sagt, dass man seinetwegen auf das Radrennen hätte verzichten sollen. Ein Motorradfahrer wird gestoppt. Kein Durchkommen. In keine Richtung. “Nee, hier kommt das Radrennen vorbei.” “Aber doch erst in über eine Stunde” (wir befinden uns jetzt an anderer Position). Geradeaus führt das Radrennen zudem gar nicht vorbei. Und ich bin ja schon am Kreisverkehr. “Nee, wir sollen hier sperren.” “Und wann ist hier wieder offen.” “Vielleicht in einer Stunde. Wissen wir aber auch nicht.” “Aha. Und jetzt? Kann ich denn zurück nach Abbadia?” “Ja, in die andere Richtung ist offen.”

Mit Vollspeed durch die Stadt: Ausnahmsweise für diese Fahrzeuge erlaubt.

Teil 5 der Odyssee: Und wieder zurück… oder nicht?

Also umdrehen, zurück. Sind vielleicht anderthalb Kilometer, dann der große Kreisverkehr am Ortseingang. Gelbe Warnweste: “Wo wollen Sie hin?” “Die Carabinieri haben gesagt, ich kann hier nach Abbadia.” “Ja, aber parken Sie hier kurz und laufen Sie die 100 Meter und fragen Sie, gerade eben hat schon einer eine Multa bekommen.” Ich steige also aus, laufe zum Kreisverkehr bzw. zu der Stelle Richtung Abbadia, an der die Polizia steht. “Hallo, die Carabinieri haben gesagt, ich kann hier nach Osimo.”

“Nein, wir haben die Anweisung jetzt zu sperren.” “Aber, die kommen doch erst um 14.30 Uhr hier her. Das ist in mehr als anderthalb Stunden.” “Ja, wissen wir, aber hier ist jetzt gesperrt.” Auch der Motorradfahrer wird abgewiesen. Und nun? Dann halt über San Biagio, sagt die nette Polizisten und zurück Richtung Ancona, von dort über verschiedene Dörfer oder aber parken und laufen. Hahaha! Die Steigerung nach Osimo? Nee!

Das Radrennen am Samstag macht auch Gewerbetreibenden zu schaffen. Zu viele Sperrungen, kein Duchkommen für Kunden. Die einzige Chance: eine teils ganztägige Schließung des Betriebes und der Verzicht auf die kompletten Tageseinnahmen.

Teil 6 der Odyssee: Die letzte Chance

Also Auto. Aus Osimo raus, Richtung San Biagio. Da gibt es immerhin zwei Möglichkeiten. Eine über die Feldwege (gesperrt!) und die andere, die mir die Polizisten gerade genannt hat. Ich bin zwei Kilometer von ihr entfernt, das Flatterband quer über die Straße ist vermutlich seit Ewigkeiten angebracht. Kein Durchkommen. Mein Problem: Ich befinde mich im Niemandsland, bin eingekesselt. ALLE Straßen sind zu. In keine Richtung geht mehr irgendwas. Also zurück. Erster Kreisverkehr. Ich sehe die Polizei, fahre wieder die anfängliche Straße hoch. Der Mann mit der gelben Warnweste – wieder. “Die Carabinieri haben mir gesagt, ich soll hier parken.” Huch, war die Polizia, aber egal. Ich parke also, sehe die Steigung und bleibe stehen. “Wann kann ich denn hier durch.” “Keine Ahnung, wissen wir auch nicht.” Ich bleibe. Quatsche. Neben Sanitätern, Feuerwehrleuten und Polizisten und Finanzieri in Pension, die als Posten an der Strecke stehen. Es ist nett, wir haben sogar etliche gemeinsame Bekannte. Wie klein die Welt manchmal ist. Ich bin gut unterhalten, von Radfahrern auch eine Stunde später keine Spur.

Apotheke? – Nein, Radrennen!

Ein Wagen hinter mir: “Ich muss die Apotheke in Castelfidardo öffnen.” “Oh, signora, tut uns leid, aber das geht leider nicht. Hier ist alles gesperrt.” “Aber….” “Ja, das ist total schlecht organisiert. Sprechen Sie dahinten mit der Polizei. Nein, nicht mit dem Wagen. Da müssen Sie eben zu Fuß hin.” Die Apothekerin läuft, kommt zurück, erzählt, sie hätte mit der Polizei das Dekret gelesen. Sobald das Feld einmal vorbeigefahren wäre, dürfte man passieren.”

Der Ex-Finanziere in Warnweste schickt mich mein Auto holen. Es sei eh komisch, dass die Parallelstraße auch gesperrt sei, da fahre das Feld auch gar nicht her. Hubschrauber über uns. Zumindest scheinen sie jetzt, rund zwei Stunden nach meiner ersten Blockade in der Nähe zu sein. Ich gehe zum Auto, steige ein, habe die Tür noch nicht ganz geschlossen, da sehe ich eine Frau mit Hund über die Straße hechten. Die Polizei fährt mit mehreren Motorrädern, Blaulicht und Ansagen die Straße aus dem Zentrum hinunter. “Attenzione! Ab jetzt darf niemand mehr die Straße überqueren, niemand darf mehr die Straße überqueren.”

Ich daheim vor dem Fernseher, mein Auto (weiß mit Dachbox, halb versteckt zwischen Bäumen) in einigen Kilometern entfernt zwischen Absperrungen.

Plan in der Hand und doch keine Ahnung…

Der Mann in Warnweste: “Wieso kommen die denn hierher?! Auf dem Plan (er hält ihn mit allen Details in der Hand) steht doch gar nichts.” Und tatsächlich: DIESE Straße ist dort nicht aufgeführt! “Doch doch!” Ein Feuerwehrmann mischt sich ein. Dreimal fahren die jetzt hier runter. Die Schleifen beginnen – und ich gebe auf. Genieße den Fahrtwind des Feldes, das bequem den Berg hinunterrast, während ich mühsam hinaufstapfe. Nichts zu machen, es ist wirklich ALLES dicht. Auch die Betriebe. Mal eben ein Getränk, ein Stück Pizza auf die Hand? Nein, alles zu! Hinweisschilder in den Läden: “Ci scusiamo per il disagio.” Aufgrund des Radrennens sei man leider gezwungen, den Betrieb den ganzen Samstag über zu schließen.

Hier könnt Ihr ein Video dazu sehen: https://www.facebook.com/ciao.aus.italien/videos/626131909278030/

Ende der Odyssee: Endlich auf dem Sofa – vorübergehend!

Das Feld ist längst wieder raus aus Osimo, der Weg den Berg hoch noch lang. Ich stapfe, schnaufe und lasse mein Auto zurück. Das können wir erst gegen Abend wieder holen – vielleicht!

Nach dem Radrennen: Der Verkehr rollt wieder – langsam!


Nadineja
Über Nadineja 210 Artikel
Ciao aus Italien - ich bin Nadine: Als ausgebildete Tageszeitungsredakteurin und Geprüfte Übersetzerin für Italienisch bin ich aktuell als freie Journalistin unterwegs. Diese Seite betreibe ich privat. Das Thema: Italien, die derzeitigen Corona-Maßnahmen und alles rings um Land & Leute.

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